Sprachförderung im Alltag

„Ich tomme!“ So unterstützt ihr eure Kinder, die richtigen Laute zu verwenden

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„Im Tindergarten gab es heute Tuchen!“ Für den einen klingt das zuckersüß, für den anderen bedenklich. Deshalb gleich vorweg: Gewisse Lautverwendungsstörungen in der Sprachentwicklung kommen bei vielen Kindern vor. Also ganz entspannt. So oder so könnt ihr eure Kinder bei der richtigen Verwendung von Lauten unterstützen. Das geht ganz einfach, ohne dass Kind oder Eltern genervt davon sind.

Was heißt hier Lautverwendungsstörung?

Es ist für manche Eltern ein Rätsel, wenn ihr Kind Laute isoliert aussprechen kann, sie aber in Wörtern auslässt, verändert oder durch einen anderen Laut ersetzt. In der Logopädie sprechen wir dann von einer Lautverwendungsstörung. 

Alle Kinder haben im Laufe ihrer Sprachentwicklung Phasen, in denen sie bestimmte Laute nicht sprechen können. Das „verwächst“ sich meist im Laufe der Zeit. Klar, je mehr Laute nicht korrekt ausgesprochen werden können, desto unverständlicher wird die Sprache. Dann kann es auch schon mal zu Missverständnissen kommen, etwa wenn sich die Bedeutung des Wortes verändert und aus der „Kasse“ die „Tasse“ wird.

Meistens kommt das bei besonders gleichklingenden Lauten vor, also t und d oder g und k, aber auch anderen Lauten und Konsonantenverbindungen.

Dann heißt es gerne mal: „Ich tomm kleich“ statt „Ich komme gleich“. Oder „Das ist aber tool“ statt „Das ist aber cool.“

Die Frage, die dann meist kommt: Ab wann sollten Laute richtig ausgesprochen werden? Tatsache ist: Das kann von Kind zu Kind unterschiedlich sein. Zur Orientierung heißt es, dass bis zum dritten Lebensjahr alles im grünen Bereich ist. So etwa mit 4 bis 5 Jahren sollte die Aussprache verschiedener Laute kein großes Problem mehr darstellen, mit Ausnahme der S-Laute. Als grobe Richtschnur dient die Vorschulzeit, einfach damit sich Aussprachestörungen nicht zu sehr verfestigen oder gar negativ auf den Schriftspracherwerb auswirken.

Generell kann auch diese Lauttabelle als eine erste Orientierung behiflich sein. Die Altersangaben lest ihr wiefolgt: 4,5 Jahre bedeutet 4 Jahre und 5 Monate.

So oder so: Wenn ihr euch unsicher seid, ob euer Kind altergemäß spricht, lasst euch am besten von einer Logopädin oder einem Logopäden beraten.

Lauttabelle

Lautbildung
1,6 bis 2,0 Jahre m, p, d
2,0 bis 2,5 Jahre b, n
2,6 bis 2,11 Jahre w, f, l, t, ng, h, k, ch2 (z.B. Buch), s
3,0 bis 3,5 Jahre j, r, g, pf
3,6 bis 3,11 Jahre z
4,0 bis 4,5 Jahre ch1 (z.B. „ich“)
4,6 bis 4,11 Jahre sch

Bildung von Konsonantenverbindungen am Wortanfang**
3,0 bis 3,5 Jahre fr, kl
3,6 bis 3,11 Jahre bl, br, fl, gl, gr
4,0 bis 4,5 Jahre dr, tr, kr, kn, qu, schl, schm, schn, schr, schw, sp, st
4,6 bis 4,11 Jahre spr, str

 

Quelle: A. V. Fox, Kindliche Aussprachestörungen, 2005 (Die Laute „s“ und „z“ können noch bis zum Alter von 5,6 Jahren interdental, d.h. zwischen den Zähnen gebildet werden.)

Corrective feedback: Warum bloßes Korrigieren nix bringt!

Wer Kinder dabei unterstützen möchte, richtig die Worte auszusprechen, macht es wie bisher: ganz intuitiv.

Ehrlich! Erinnert ihr an die ersten Laute eurer Kinder? Was habt ihr gesagt, als eure Kleinen das erste Mal glucksend „ma-ma-ma-ma-ma“ von sich gaben? Vielleicht: „Sagst du Mama? Hier ist die Mama. Fein machst du das.“

Oder später: Ein Kind zeigt mit dem Finger auf einen LKW und sagt „Auto“. Und die meisten Eltern werden etwas antworten, wie: „Das ist ein großes Auto. Das große Autos ist ein LKW. Das ist ein grüner LKW.“ Es dauert nicht lange, und wir verstehen unsere Kinder ziemlich gut und können die ersten unvollständigen Sätze problemlos erweitern wie etwa, wenn das Kind freudig ruft „Tita gehn“ die Antwort von uns Eltern lautet: „Willst du schon in die Kita gehn?“

In diesen Beispielen werden Lautbildung und Satzbau beiläufig korrigiert. In der Logopädie nennt man das Corrective Feedback. Und das müsst ihr nicht in einem Kurs oder aus einem Buch erlernen. Ihr greift einfach die Äußerungen eures Kindes auf, erweitert, verbessert oder wiederholt sie in korrekter Form und liefert eurem Kind auf diese Weise ein Sprachvorbild, das unmittelbar auf eine kindliche Äußerung folgt.

Beispiel:

Das Kind fragt: „Tönnen wir ins Tino dehen?“

Und ihr antwortet: „Klar können wir heute ins Kino gehen.“

Bitte belehrt oder bestraft euer Kind nicht, wenn es ein Wort falsch ausspricht! Schon lange haben Studien bewiesen, dass Vorsprechen, Beibringen neuer Wörter und Korrigieren den Spracherwerb eher behindert. Irgendwie logisch. Wer hat schon Lust, sich zu äußern, wenn er ständig korrigiert wird.

Am Ende ist eine Aussprachestörung nicht die Hauptsache im Gespräch mit einem Kind. Hört lieber darauf, WAS euer Kind euch zu erzählen hat. Das WIE ist weniger wichtig.

4 logopädische Tipps bei Lautverwendungsstörungen

Tipp 1: Bilderbücher anschauen. Ja, ich habe bereits einen Beitrag darüber geschrieben: Bilderbücher anschauen ist einer der besten Wege, die Sprachentwicklung eurer Kinder zu Hause zu fördern.

Tipp 2: Sprachspiele spielen. Sprache fördert man am besten mit Spiel und Spaß. Ihr könnt ja mal in meiner Sammlung stöbern, mit Empfehlungen und Tipps für Spiele, die den Wortschatz und die Mundmotorik fördern. Beides ist sehr wichtig bei Lautverwendungsschwierigkeiten.

Tipp 3: Sprecht miteinander. Am besten ist natürlich deutlich und langsam. Und dass ihr euch dabei anschaut. Wichtig ist aber, dass ihr einfach jeden Anlass nutzt. Es gibt soviel, zu entdecken und besprechen. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich ein großer Freund vom Philosophieren mit Kindern bin. 🙂

Tipp 4: Fehler sind erlaubt. Das hatten wir am Anfang ausführlich, aber ich möchte es hier wiederholen: Bitte nicht korrigieren oder gar schimpfen, wenn ein Wort einmal falsch heraus kommt. Ermutigt lieber eure Kinder, es immer wieder zu probieren und lobt sie für richtig gebildete Laute. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist schließlich für die gesamte Entwicklung wichtig. Und dann ganz gemäß dem (intuitiven) corrective feedback: Sprecht einfach das richtige Wort in eurer Antwort noch einmal deutlich nach.



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