Sprachförderung im Alltag

3 Tipps zum Philosophieren mit Kindern: Was wäre, wenn…?

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„Warum ist Wasser nass?“ „Was passiert, wenn der Himmel dicht ist? Regnet es dann nie wieder?“ Kinder wollen die Welt verstehen. Sie hinterfragen Dinge, die für uns selbstverständlich sind. Oder von denen wir glauben, dass sie selbstverständlich sind. Mit Kindern zu philosophieren macht großen Spaß. Dabei könnt ihr gemeinsam Nachdenken, Zusammenhänge entdecken und Netze spinnen, mit Gedanken und Sprache spielen, neue Möglichkeiten und Ideen verfolgen und ausprobieren. Eine wunderbare Form der Sprachförderung. Hier sind 3 Tipps, die euch dabei helfen können.

Was heißt hier Philosophieren?

Mit Kindern philosophieren? Das klingt vielleicht zunächst etwas abgehoben, ist es aber gar nicht! Im Prinzip philosophieren wir nämlich ständig, besonders unsere Kinder. Sie sind von klein auf voller Fragen über das Leben.

Für mich ist das gemeinsame Philosophieren mit Kindern das i-Tüpfelchen der Sprachförderung.

Einfach auch, weil es ein wunderbar einfacher Weg ist, die Sprechfreude der Kinder zu nutzen. Und selbst mehr Sprechimpulse zu geben. Wenn euch das nächste Mal euer Kind wieder eine „Warum-Frage“ stellt, widersteht einmal euer Wissen in eine lange Antwort zu packen. Stattdessen fragt ihr einfach zurück: „Was denkst du, warum etwas so ist?“

Und schon seid ihr mitten in einem philosophischen Gespräch. Und mitten in der Sprachförderung! Schon lange haben Studien bewiesen, dass Vorsprechen, Beibringen neuer Wörter und Korrigieren den Spracherwerb eher behindert. Wer Kinder in der Sprachentwicklung fördern möchte, sollte möglichst viel mit ihnen sprechen, d.h. in einen Dialog treten.

Also versucht einfach, eigene Denkprozesse anzustoßen und eure Kinder zu ermutigen, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Wenn sie ihre eigenen Gedanken formulieren, fördert das bereits den Wortschatz, aber auch die Grammatik. Und natürlich die kognitive Entwicklung der Kinder.

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Für mich ist das gemeinsame Philosophieren mit Kindern das i-Tüpfelchen der Sprachförderung.

1. Tipp: Worüber philosophieren? Diese Fragen können euch helfen.

In meinen Therapiestunden denke ich immer wieder mit den Kindern über das Glück nach, über Strom und andere unsichtbare Sachen, Gott und die Welt, über Regen und den Himmel oder Freundschaft und ihre Grenzen. Wichtig: Die Fragen der Kinder stehen im Zentrum. Und wie alle Eltern wissen: Kinder stellen Hunderte von Fragen.

Neben den vielen Wissensfragen, wie „Was ist ein Puma?“ oder „Wo wächst die Ananas?“ kommen auch viele Denkfragen, wie neulich in meiner Praxis: „Was passiert, wenn der Himmel dicht ist? Regnet es dann nie wieder?“

Die besten Antworten darauf sind auch der leichteste Zugang zum gemeinsamen Philosophieren – nämlich Gegenfragen. Etwa:

  • Was glaubst du selbst?
  • Hast du eine Idee?
  • Was denkst du?

Natürlich ist es am schönsten, wenn ein Kind eine Frage stellt und sich daraus ein (philosophisches) Gespräch entsteht. Ihr könnt das aber auch ein Stückweit in die Richtung steuern. Zum Beispiel indem ihr nachhakt, Gegenfragen stellt oder Analogien herstellt:

  • Was wäre, wenn…?
  • Ist dir schon einmal aufgefallen, dass…?
  • Und wie ist das bei …?

2. Tipp: Wie bleibt das Gespräch in Gang?

Ist der Einstieg erst einmal gemacht, heißt es, das Gespräch in Gang zu halten. Gebt euch nicht mit der ersten Antwort zufrieden. Im Gegenteil: Jetzt heißt es Vertiefungsfragen stellen. Das ist unglaublich interessant. So findet ihr heraus, wie euer Kind zu seiner Antwort kam. Was es schon weiß, wie es sich die Welt erklärt und Zusammenhänge herstellt. Dabei helfen Fragen wie:

  • Stimmt das?
  • Bist du dir da so sicher?
  • Es könnte doch auch sein, dass …
  • Wie kommt es dazu, dass …
  • Ist das immer so?
  • Warum denn?
  • Kannst du ein Beispiel nennen?
  • Gibt es dafür eine Regel?

Wichtig: Wenn ihr merkt, dass eine Frage ungeeignet war, korrigiert euch einfach. Und bitte nicht auf eine gewünschte Antwort „hinfragen“. (Ganz ehrlich, dass hat in der Schule schon keinen Spaß gemacht, oder? ;))

Eine gute Frage ist offen und frei. Macht deutlich, dass ihr aufrichtig an den Ideen und Gedanken eurer Kinder interessiert seid.

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Philosophieren mit Kindern ist ein wunderbarer Weg, die Sprechfreude der Kinder zu nutzen.

3. Tipp: Ruhig mal unwissend sein

Lasst in diesen Gesprächen eure Kinder erleben, was ihr alles wisst. Aber: Lasst sie auch erleben, was ihr alles nicht wisst. Versteckt das auf keinen Fall. Mindestens zwei Gründe sprechen dafür:

1. Zum einen ist es für alle Beteiligten eine gute Übung, auszuhalten, dass es nicht auf jede Frage gleich eine Antwort gibt. Man muss also erst einmal darüber nachdenken. Genau darum geht es. Die Kinder überhaupt auf diesen Weg des Nachdenkens zu bringen. Ein Stück Verunsicherung zu erzeugen. Deshalb einfach frei von der Brust sagen, wie es ist: „Ich muss da erst einmal drüber nachdenken. Vielleicht komme ich drauf. Vielleicht kommen wir im gemeinsamen Gespräch drauf.“

2. Eine unwissende Haltung ist etwas feines. Allein schon, weil es Kinder lieben, Erwachsenen zu erklären wie die Welt ihrer Meinung nach funktioniert. Also wie wäre es, wenn ihr (wieder) über die Welt staunt, als ob ihr ein Kind seid: frei und neugierig für die Fragen der Welt.

Auch Kinder machen es sich gern mal leicht und geben eine Antwort wie „Weiß nicht“ oder „Das ist nun mal so.“ Das kann man so stehen lassen. Oder ihr nehmt die Herausforderung an und versucht es mit einer anderen Frage. Findet heraus, was euer Kind schon weiß und fragt von hier aus weiter. Es ist wie immer: Mit etwas Übung wird das Fragen leichter.

Mehr zum Philosophieren

Ihr merkt schon, ich bin absolut begeistert vom Philosophieren mit Kindern. Vor allem, weil die Ideen der Kinder meine eingefahrenen Denkmuster so wunderbar aufbrechen. Es ist mir schon so oft passiert, dass das gemeinsame Philosophieren dazu geführt hat, dass ich selbst Alltägliches hinterfragt und nicht als gegeben abgestempelt habe. In Mecklenburg-Vorpommern wird „Philosophieren mit Kindern“ sogar von der 1. bis zur 10. Klasse unterrichtet. Echt prima!

Ich bleibe an dem Thema dran und werde noch einige Beiträge mit Tipps und Beispielen dazu machen. Falls ihr Fragen habt, könnt ihr sie mir gern auf unserer Facebook-Fanpage oder einfach per Mail schreiben!

Bis dahin kann ich nur empfehlen, es einmal auszuprobieren! Es ist ganz überraschend, mit Kindern zu philosophieren. Ihre Überlegungen sind oft originell, kreativ und erstaunlich clever. Ich verspreche, ihr werdet neue Seiten an eurem Kind entdecken. Viel Spaß!



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